28.10.2026 | 3 Ansichten
Ich war so nervös.
So unglaublich nervös.
Schließlich war es meine erste Lesung mit der neuen Auflage von „Die Unendlichkeit deiner Worte“. Wochenlang hatte ich geplant. Ich hatte Snacks und Getränke organisiert, Sponsoren gesucht, Dekokonzepte erstellt und irgendwann auch noch die vielleicht wichtigste Frage geklärt: Was lese ich eigentlich vor?
Ich suchte Textpassagen aus, kürzte sie wieder, strich welche und fügte dann doch wieder neue hinzu. Eigentlich ziemlich typisch für mich. Und trotz all dieser Nervosität habe ich mich unglaublich auf diesen Abend gefreut. Meine Aufregung meldete sich schon Tage vorher. Mal wurde sie immer schlimmer, dann war ich plötzlich wieder die Ruhe in Person und dachte mir: Das wird schon.
Eine Stunde vor Beginn war von dieser Ruhe allerdings nicht mehr viel übrig. Meine Nervosität war inzwischen so groß, dass mein Mann Jan mir ein Stamperl von meinem Lieblingsschnaps brachte und nur meinte, dass ich das jetzt brauche.
Wie recht er hatte.
Als die ersten Gäste eintrafen, wich die Nervosität einer seltsamen Mischung aus Konzentration und völliger Überforderung.
Sollte ich alle persönlich begrüßen? Sollte ich sie erst einmal in Ruhe ankommen lassen? Sollte ich schon bei meinem Platz sitzen? Beim Eingang stehen? Herumlaufen?
Was macht man eigentlich als Autorin kurz vor der eigenen Lesung?
Und dann waren da plötzlich so viele Menschen. So viele, dass wir zu wenig Sitzplätze hatten. In diesem Moment bedeutete das natürlich erst einmal, dass wir Tische und Stühle organisieren und irgendwie dafür sorgen mussten, dass alle einen Platz bekommen. Heute kann ich sagen: Es war vermutlich eines der schönsten Probleme, die ich an diesem Abend haben konnte.
Denn: WOW.
Es waren einfach so viel mehr Menschen gekommen, als ich erwartet hatte.
Irgendwann wurde es ruhiger im Raum und ich wusste: Jetzt geht es los. Tasmina, eine wundervolle junge Musikerin, begann zu spielen. Danach sollte mein Einstiegsvideo folgen, um alle ein bisschen in die Stimmung von "Die Unendlichkeit deiner Worte" mitzunehmen.
Sollte.
Denn natürlich entschied sich genau in diesem Moment meine Musikbox dazu, nicht mehr mitzuspielen. Tja. Ein kleines technisches Problem, das zum Glück schnell behoben war. Trotzdem dachte ich mir nur: „Ohje. Wenn es schon so anfängt…“
Doch dann nahm ich mein Buch in die Hand.
Und begann zu lesen und plötzlich war alles anders. Der Raum wurde still. Nicht einfach nur leiser, sondern wirklich still.
Über 30 Menschen saßen vor mir und hörten meiner Stimme zu. Ich kann diese Stille noch immer kaum glauben. Wie kann es sein, dass mehr als 30 Menschen an einem Donnerstagabend an einen Ort kommen, nur um mir zuzuhören? Manche waren nicht einmal aus der unmittelbaren Umgebung gekommen. Gäste waren aus Krems da. Sogar aus Linz. Für eine Lesung an einem Donnerstagabend in Wieselburg! Das bedeutet mir bis heute unglaublich viel.
Und dann gab es diesen Moment, in dem ich von meinem Buch aufsah. Ich sah in die Gesichter vor mir. Gerührte Blicke. Menschen mit Tränen in den Augen. Und ich musste ziemlich schnell wieder auf meine Buchseiten schauen, denn ich wusste genau… wenn ich mich jetzt zu sehr darauf konzentriere, weine ich einfach mit. Aber vielleicht war genau das einer der schönsten Momente des gesamten Abends. Zu sehen, dass die Worte, die ich irgendwann alleine vor meinem Laptop geschrieben hatte, plötzlich etwas in anderen Menschen auslösten.
Und dann war da noch die Musik.
Tasmina Riegler hat diesen Abend mit ihrer Gitarre und ihrer wunderschönen Stimme begleitet und ihm etwas gegeben, das ich mit meinen Worten alleine niemals hätte schaffen können. Ich glaube schon daran, dass Worte etwas auslösen können, sonst würde ich vermutlich keine Bücher schreiben. Aber als meine Worte auf ihre Stimme trafen, passierte etwas ganz Eigenes.
Da fehlen mir tatsächlich die Worte, denn irgendwann war da einfach nur noch Gefühl.
Und über Gefühle habe ich an diesem Abend ohnehin viel gesprochen.
Nur die wenigsten wussten vorher, wie viel von mir selbst eigentlich in „Die Unendlichkeit deiner Worte“ steckt. Dass meine eigene Krankheitsgeschichte eine Inspiration für Teile des Plots war. Dass manche Gefühle meiner Figuren vielleicht deshalb so echt wirken, weil ich sie selbst einmal gefühlt habe.
Darüber habe ich ganz offen gesprochen.
Für andere mag es verletzlich wirken, solche Dinge vor mehr als 30 Menschen zu erzählen.
Für mich fühlt es sich nicht so an. Ich bin mit diesen Teilen meiner Vergangenheit im Reinen. Sie gehören zu mir. Sie haben mich geprägt. Aber sie bestimmen mich nicht mehr. Endlich.
Und vielleicht kann ich gerade deshalb heute darüber sprechen.
Besonders gefreut hat mich später das Feedback zum Ende meiner Lesung.
Ich hatte lange darüber nachgedacht, wie ich diesen Abend abschließen möchte. Für mich gab es von Anfang an einen roten Faden. Von Everleighs und Coles Geschichte bis zu meiner eigenen Erfahrung in Nordirland und meiner persönlichen Vergangenheit zurück zu genau den Worten, mit denen alles begonnen hatte: Dem Titel meines Buches.
Als mir danach mehrere Menschen sagten, wie sehr ihnen genau dieser Schluss gefallen hatte und wie schön der Buchtitel darin aufgegangen war, bedeutete mir das unglaublich viel.
Denn genau so hatte ich es mir vorgestellt.
Es ist schön, wenn etwas im eigenen Kopf funktioniert. Noch schöner ist es, wenn es bei anderen genauso ankommt.
Und nach dem letzten Satz?
War der Abend noch lange nicht vorbei. Bücher wurden gekauft und natürlich signiert. Es wurde gegessen und getrunken, geredet und gelacht. Und etwas hat mich dabei ganz besonders berührt:
Die Menschen sind geblieben.
Sie sind nicht nach dem letzten Applaus aufgestanden, haben ihre Jacken genommen und sind nach Hause gefahren.
Sie blieben.
Viele standen noch lange zusammen, führten Gespräche, kamen zu mir, erzählten mir, wie sie die Lesung erlebt hatten, stellten Fragen oder ließen ihr Buch signieren.
Vielleicht klingt das nach einer Kleinigkeit.
Für mich war es keine.
Denn nach all den Gedanken davor „Was, wenn es langweilig wird? Was, wenn niemand wirklich Interesse hat?“ war genau das vermutlich die schönste Antwort, die ich bekommen konnte.
Die Menschen waren gekommen, um zuzuhören.
Und sie sind geblieben.
Impressionen vom Abend








